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Wenn Geschichte Lebendig wird - Erika Rosenberg im Dr. Sulzberger Gymnasium

Für die Schüler des Dr. Sulzberger Gymnasiums  wurde Geschichte lebendig. Im Rahmen eines Projekttages mit der renommierten Historikerin und Schriftstellerin Erika Rosenberg hatten die Jugendlichen die Chance, sich besonders intensiv mit einigen bemerkenswerten Helden des Holocausts zu beschäftigen, welche die Relevanz des Themas verdeutlichten. 

Erika Rosenberg selbst wuchs in Buenos Aires als Tochter deutscher Juden auf, welche noch vor dem Holocaust im Jahre 1936 fliehen konnten. Seit frühster Kindheit beschäftigte sie sich deshalb  intensiv mit der Schoah, der Massenvernichtung der in Deutschland lebenden Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. So verfasste sie durch eingehende Recherchen, wie ausführliche Gespräche mit Emilie Schindler, Biografien über sie und ihren berühmten Mann Oscar Schindler. Hierbei versuchte sie hinter die Kulissen zu blicken, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. So ließ die Autorin weder private Aspekte außer Acht, noch inhaltliche Oberflächlichkeiten zu. Der Autorin gelang es, ein sowohl detailliertes als auch umfassend realistisches Bild zu skizieren. Schindler selbst sei auch kein „Mann mit weißer Jacke“. 

Die Autorin wirkt trotz ihres Alters, in dem andere ihre wohlverdiente Pension genießen, sehr lebhaft und fortlaufend wissbegierig. Sie beschrieb ihre Biografie als ständige Reise, da sie schon zahlreichen Orten dieser Welt ihre Aufmerksamkeit schenkte. Familie Rosenberg bereiste fast ganz Europa und Südamerika für die Recherchen, aber auch andere Teile der Erde dienten als Anlaufstelle. Entsprechend spricht sie eine Vielzahl von Sprachen und arbeitete daher selbst einmal als Dolmetscherin. Jene Fähigkeiten erleichtern ihr natürlich den Kontakt mit Einheimischen und damit die Nachforschungen innerhalb verschiedenen Regionen.  

„Wie ein großes Puzzle sind die historische Ereignisse aus sehr vielen verschieden Teilen zusammengesetzt und man muss versuchen, diese zu verbinden.“ – so die Autorin. Um Zusammenhänge herstellen zu können, sind diverse Quellen nötig. Diese liegen unter Umständen auf der anderen Seite der Welt, weshalb die Arbeit teilweise sehr frustrieren kann, gerade dann, wenn kein Vorankommen in Aussicht steht. Trotzdem sei es wichtig, nie aufzugeben um an das gewünschte Ziel zu kommen. So berichtete Erika Rosenberg von ihrer langwierigen Arbeit am nächsten Buch (über den Diplomaten Gilberto Bosques. Der Mexikaner gewährte zahlreichen europäischen Flüchtlingen während des zweiten Weltkrieges Asyl in seiner Heimat und nahm dafür auch einige Risiken in Kauf.) 

Die 68 Jährige stellte bereits am Vorabend die weltweit größte Ausstellung ihrer Art vor: „Unbesungene Helden“ – welche von ihr selbst und mithilfe einiger Schüler erstellt und ergänzt wurde und welche das Bundes- und Landesprogramm „Demokratie leben!“ förderte, im Landratsamt der Kurstadt interessierten Besuchern vor. Am folgenden Tag widmete sie sich voll den Schülern der zehnten Klassen des Gymnasiums. Im Mittelpunkt ihres Vortrages standen der Schweizer Diplomat Carl Robert Lutz, der in Zusammenarbeit mit Widerstandskämpfern viele tausende ungarische Juden retten konnte und Oskar Schindler, welcher gemeinsam mit seiner Frau Emilie ca. 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor dem sicheren Tod bewahren. Letztgenannter Unternehmer war als Doppelagent tätig, nur so war ihm die Befreiung dieser Menschen möglich. Die Jugendlichen verfolgten die Erzählungen gebannt. Emotionen von Entsetzen über die Gräueltaten des Krieges bis hin zu Verwunderung und Ehrfurcht vor den Helden in der Luft lagen in der Luft.  

Darauf folgte die Bearbeitung zwei weiterer Themen durch einige Schülerinnen der elften Klasse. Zum einen brachte man Licht in das Wirken Oskar Schindlers während seines Türkeiaufenthalts, zum anderen erforschte man eine mysteriöse Frau, welche stets in seinem Schatten stand. Laut den Recherchen begab sich Oskar Schindler zeitweise auf das kriegsneutrale Land der türkischen Republik, welches damals den Dreh- und Angelpunkt für Spione und deren Informationsaustausch. So gelang er an Informationen über die deutsche Botschaft und an Rettungspläne für die Juden in Deutschland. Ferner belief sich der nächste Schwerpunkt auf eine ominöse Frau mit dem Namen Brunhilde Albrecht. Diese, als unglaublich schön und durchtrieben beschriebene Frau, unlängst Affäre Schindlers, ermöglichte ihm erst das Agentendasein, da sie ihn mit ihrem Chef bekannt machte. Des Weiteren rettete sie 300 Frauen buchstäblich in letzter Sekunde aus einer Gaskammer des Vernichtungslagers Ausschwitz, indem sie den leitenden Befehlshaber um den Finger wickelte. Erika Rosenberg erhielt Informationen über den späteren Verlauf ihres Lebens, indem es ihr gelang aus der Kriegsgefangenschafft der Sowjets und Amerikaner zu fliehen. Die Autorin nahm mit ihren verbleibenden Angehörigen Kontakt auf und steht im regen Austausch mit Luis Adelberto Berlanga Albrecht, dem mexikanischen Neffen Hildes. Jener berichtete über ihre Zeit nach dem Krieg, ihre Flucht und ihr neues Leben. Hilde verhalf beispielsweise einer indigenen Familie in ihrem späteren Wohnort Mexiko zu sicheren Arbeitsplätzen und deren Tochter zu einem Universitätsstudium. Luis Albrecht, selbst Professor für Wirtschaftswissenschaft, wusste vor Erika Rosenberg nichts von der Geschichte seiner Tante, da sie es gewohnt war, zu diesem Thema zu schweigen.(Einzig und allein die Besuche ihrer Familie aus Ohio fanden stets auf mexikanischer Seite der Grenze statt, da sie bei den US-Behörden noch immer als Agentin des dritten Reiches geführt wurde und dementsprechend nie wieder US-Amerikanischen Boden betreten durfte.)  

Per Videoanruf hatten die Elftklässlerinnen die Möglichkeit, mit Hildes Neffen Luis Albrecht zu sprechen. Die Unterhaltung erfolgte auf Englisch, was es aber nur noch authentisierte. Von Mexiko aus, dort noch im Morgengrauen, bedankte sich der Professor für das Interesse der Jugendlichen, betonte die Relevanz des Themas und riet den Teilnehmern, die Geschichte und Natur des Menschen zu verstehen, um für die Zukunft zu lernen. Er ging hierbei auf Fragen seitens der Gymnasiasten ein, etwa beschrieb er Hildes liebevolles Auftreten der Familie gegenüber und verwies erneut auf die Bedeutsamkeit der Aufarbeitung und Wertung der Historie, um eigene Schlüsse zu ziehen. 

Die Jugendlichen begeisterten sich für diesen lebendigen Geschichtsunterricht, der eine willkommene Abwechslung zum reinen Frontaltutorium darstellt. Besonders die Zeitzeugengespräche, die Möglichkeit Fragen an Erika Rosenberg zu stellen, welche dankend angenommen wurden und natürlich in besonderem Maße das Gespräch mit Professor Albrecht wirkten sich äußerst motivierend aus. (Diese Erfahrung konnte bei den meisten noch einmal die Relevanz des Themas, somit das Verständnis für die Bedeutsamkeit geschichtlicher Hintergründe und die Eigenverantwortung für eine angemessene Gedenkkultur verdeutlichen.) 

Mithilfe des 1. TSV Bad Salzungen und des Dr. Sulzberger Gymnasiums ist es möglich, diese Zusammenarbeit, welche schon 16 Jahre besteht und hoffentlich noch etliche weitere bestehen soll, immer wieder zu ermöglichen. (In Kooperation begleitete die Schriftstellerin gemeinsam mit ihrem Mann Jose Rosenberg, dessen Familie größtenteils Opfer des Holocaust wurde, auch schon Projektfahrten nach Ungarn (Budapest und Mezököved) und Polen (Krakau) sowie das internationale  Workcamp in Bad Salzungen, welches regelmäßig alle zwei Jahre stattfindet.) 

Die vielgereiste Frau wirkt trotz dem Stress und ihren hohen Forderungen an sich selbst offen und zugänglich, keinesfalls von oben herab sondern völlig in ihrem Element - Wissen zu vermitteln, habe Sie sich trotz ständiger Kontinentalwechsel für ihre Projekte mittlerweile an den Jetlag gewöhnt, der durch die Zeitverschiebung und enormen Flugdauern zustande kommen kann. Und plötzlich wirkt die scharfsinnige Professorin überaus nahbar, wenn sie spürt, wie in der Pause die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu dem Hund vor der Aulatür wandert und sie mit strahlenden Augen von ihrem Zwergpudels Madame Daphne erzählt, der bei der Familie in Argentinien auf ihre Ankunft wartet. Wenn die Jugendlichen ihre Simson Mopeds auf dem Schulhof anwerfen und die Reifen durchdrehen lassen, wird ein liebevolles Lächeln auf Frau Rosenbergs Lippen sichtbar. Sie spricht über ihre eigene Jugend in Argentinien, den Unterschieden zu der jetzigen sowie über ihr Verständnis für eben diese, Spaß zu haben und ihre Zeit zu nutzen.  

 
 

Tina Schmidt