Ple1„Honoured chair, distinguished delegates” (zu Deutsch: verehrter Vorsitzender, geehrte Delegierte), so fingen die meisten unserer 90-sekündigen Reden während der englischsprachigen Simulation der UN-Generalversammlung an. Dabei vertraten wir, die Schüler der 12. Klassen, 34 verschiedene Länder aus der ganzen Welt. Das Projekt wurde von vier Studenten der Universität Erfurt geleitet und hatte das Ziel, uns in die Funktionsweise der Vereinten Nationen einzuführen.

Zu Beginn des Projekts am Donnerstag um acht Uhr fanden sich alle Schüler der 12. Klassen in der Schulaula ein. Zunächst erhielten wir eine kurze Einführung in das Projekt sowie in die groben Abläufe der UN-Generalversammlung. Diese unterteilt sich in formale und informale Sitzungen. Während Ersteren werden die oben erwähnten Reden gehalten, es herrscht absolute Ruhe und Schreibverbot. Letztere dienen zum Arbeiten mit anderen Delegationen und müssen vorher beantragt und in einer Abstimmung von der Mehrheit bestätigt werden. Im Anschluss daran wurden die ersten Reden zum Thema „Zugang zu Bildung in Krisengebieten“ gehalten. Wir selbst vertraten das Land Israel, welches über ein gut ausgebautes Bildungssystem verfügt, aber gleichzeitig mit vielen politischen Problemen konfrontiert wird.

Um diese nachvollziehen zu können, müssen wir uns mit dem Beginn der Staatsentstehung beschäftigen. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kam es zu verstärkten Einwanderungswellen osteuropäischer Juden, die in ihren Heimatländern diskriminiert bzw. unterdrückt wurden und deshalb Schutz im damaligen Palästina suchten. Mit dem wachsenden Anteil an Juden in der Bevölkerung wuchsen auch die politischen Bestrebungen, einen souveränen Judenstaat zu gründen. Diesen gab die UN schließlich am 29.11.1947 statt und beschloss die Gründung des israelischen Staates auf ehemalig palästinensischem Gebiet.

Da sowohl die Bürger des nun geteilten Palästina als auch die umliegenden arabischen Mächte unzufrieden mit dem neuen jüdischen und von der UN unterstützten Machteinfluss waren, kam es bald nach der Gründung des Staates zu blutigen Konflikten, die viele unschuldige Menschen das Leben kosteten.[1] Neben diesen außenpolitischen Auseinandersetzungen hat Israel vor allem mit innenpolitischen Streitigkeiten zu kämpfen und muss deshalb auch bei seinem Bildungssystem einige Kompromisse eingehen. So existieren dort vier offizielle Schulformen: neutrale staatliche Schulen ohne jeden religiösen Einfluss, staatlich-jüdische Schulen, staatlich-arabische Schulen und Privatschulen.[2]Ple2

So können Juden auf Hebräisch, Moslems auf Arabisch oder alle Volksgruppen gemeinsam lernen, außerdem können sämtliche religiöse Gemeinschaften auf diese Weise ihre jeweiligen Traditionen und Gebräuche frei ausleben bzw. unterrichten. Ungeachtet des Glaubens sowie der Herkunft der Schüler lernen sie alle sowohl Hebräisch als auch Arabisch des Weiteren besteht für sie eine Schulpflicht von ihrem sechsten bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Während dieser Zeit bis zu einschließlich einem Alter von 18 Jahren wird die Schulbildung kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Schullaufbahn beginnt in der Grundschule, welche sich über die Klassen eins bis sechs erstreckt. Anschließend legen die Schüler ihre mittlere Reife an einer Mittelschule, die sie bis zur neunten Klasse besuchen müssen, ab. An diesem Punkt dürfen sie zwischen der Berufsschule und einer weiterführenden Schule, welche ihnen ein Studium ermöglicht, wählen.

Das vermittelte Wissen lehnt sich an einen allgemeinen Lehrplan an, welcher vom Bildungsministerium festgelegt ist. Ausnahmen stellen private Bildungseinrichtungen dar. Ebenso gibt es bestimmte weiterführende Schulen, die Schwerpunkte auf ausgewählte Bereiche wie z.B. Technik oder Landwirtschaft setzen, um Jugendlichen Möglichkeiten zu bieten, Begabungen und Interessen zu fördern. Hochbegabten, die gesonderte Qualifizierungstests bestehen müssen, werden spezielle Programme angeboten, um ihr Wissen zu erweitern. Doch auch lernbenachteiligten Kindern wird Aufmerksamkeit zugeteilt. So versuchen beispielsweise Psychologen das maximale Potenzial auszuschöpfen, um die jungen Menschen möglichst erfolgreich in das Sozialleben einzubinden. Das besondere am israelischen Bildungssystem sind die jährlichen tiefgründig ausgearbeiteten Projekte, die sich mit wichtigen sozialen Themen auseinandersetzen. So sollen die israelischen Schüler zu demokratischen, weltoffenen, toleranten und leistungsbereiten Individuen erzogen werden.[3]

Auch Sicherheit spielt an Schulen eine wichtige Rolle, da Terrorismus in Israel keine Seltenheit ist. Anschlägen wird vorgebeugt, indem die meisten Schulen nur einen Eingang haben, welcher von bewaffnetem Wachpersonal ständig kontrolliert wird. Dieses wird, wie auch die vor dem Schulgelände stationierten Sicherheitsleute, wiederum von der Polizei überwacht.[4]

Insgesamt setzt das Bildungssystem in Israel sowohl auf eine gute berufliche Ausbildung als auch auf eine höhere Schulbildung mit anschließendem Studium. Dadurch verfügen sie über eine Vielzahl qualifizierter Fachkräfte, die zur Entwicklung des Landes von einem landwirtschaftlich geprägten Staat zu einer bedeutenden Industrienation beitrugen und es international wettbewerbsfähig machten. Aufgrund dieses hohen Standards ist es Israel möglich, Handelsbeziehungen mit ihren direkten Nachbarländern zu umgehen und trotzdem an wirtschaftlicher Stärke zu gewinnen.

Unserer Meinung nach bietet das israelische Bildungssystem durch die Schulpflicht sowie die kostenlose Bildung Chancen für alle jungen Menschen. Sie können sich selbst durch die Wahl ihrer Schule verwirklichen und aufgrund der qualitativ hochwertigen Ausbildung gut bezahlte Berufe erlangen, die das Land sowie die Gesellschaft voranbringen. Allerdings eröffnen sich die Nutzungsmöglichkeiten dieser Chancen noch nicht jedem gleichermaßen, da die Klassen an öffentlichen Schulen meist sehr voll sind (bis zu 40 Kinder)[5] und eine Individualförderung somit oftmals ausbleibt. Aufgrund dessen entscheidet der finanzielle Status der Familie über die Option von beispielsweise Nachhilfestunden, die einen besseren Abschluss ermöglichen.

Am ersten Tag lernten wir somit etwas über den groben Aufbau sowie die Schwachpunkte der jeweiligen Bildungssysteme der Länder und schlossen uns zunächst zu kleineren und später zu insgesamt drei Interessengruppen zusammen, um diese Defizite auszugleichen. Dies diente uns als Grundlage für die Resolutionen, die als Endziel der Simulation vorgesehen waren.

Tag zwei begann und wir setzten unsere Reden sowie die Arbeitsphasen fort. Das angestrebte Resultat rückte nun immer näher, die Resolution (eine Art Antrag an die UNO, über dessen Adaption und somit Durchsetzung alle Mitglieder abstimmen), welche unsere Ideen zur Verbesserung des Zugangs zu Bildung in Krisengebieten enthalten sollte, nahm in jeder Gruppe langsam Form an. Bis zur Abstimmung über diese Anträge hielten wir weiterhin die Rednerliste durch spontane Beiträge aufrecht, da wir ansonsten direkt über unsere unfertigen Resolutionen hätten abstimmen müssen. Da dies nicht möglich gewesen wäre, hätte die Sitzung ohne ein Resultat geendet. Glücklicherweise geschah das jedoch nicht.

Schließlich verfügte jede Gruppe über einen Entwurf ihres Antrages, welcher von den Studenten kontrolliert und mit Verbesserungsvorschlägen versehen wurde. Nachdem wir diese eingebracht hatten, erreichten wir unser großes Ziel: die Abstimmung über die einzelnen Resolutionen. Eine absolute Mehrheit (also mehr als die Hälfte aller möglichen Stimmen) reichte hierbei, um den Antrag anzunehmen. Insgesamt nahmen wir zwei von drei Resolutionen an.

Im Anschluss daran gaben wir den Studenten eine Rückmeldung über unsere Eindrücke während des Projektes. Für uns Schüler war die Simulation der UN-Generalversammlung eine wertvolle Erfahrung, da wir gleichzeitig unsere Englischkenntnisse sowie das freie Sprechen verbessern und das Halten von Reden vor einem relativ großen Publikum üben konnten.

Am Ende der zwei ereignisreichen Tage verabschiedeten wir uns dankend und mit einem kleinen Präsent von den vier Studenten und posierten gemeinsam für ein Gruppenfoto.

Julia Ziegert

Anna Stroh


[1] http://www.hagalil.com/israel/geschichte/geschichte.htm

[2] http://mfa.gov.il/MFA/AboutIsrael/Education/Pages/Education.aspx

[3] http://mfa.gov.il/MFA/AboutIsrael/Education/Pages/EDUCATION-%20Primary%20and%20Secondary.aspx

[4] https://www.israelnetz.com/kommentar-analyse/2018/03/12/warum-massaker-an-schulen-in-israel-so-selten-sind/

[5] https://www.kinderweltreise.de/kontinente/asien/israel/alltag-kinder/schule-in-israel/

 

   
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